Jährlich werden weltweit Tausende von Kindern ausgesetzt, verkauft oder illegal zur Adoption weggegeben, weil die leiblichen Eltern nicht in der Lage sind, für das Kind zu sorgen. Kindesaussetzung ist die Folge wirtschaftlicher und sozialer Not, auswegloser Lebens- und Berufsperspektiven sowie auch kultureller oder religiöser Tabus wie beispielsweise der unehelichen Schwangerschaft. Terre des hommes (Tdh) setzt sich in Marokko und Rumänien präventiv gegen die Kindesaussetzung ein und kümmert sich um ausgesetzte Kinder.
Ausgangslage
Leichtfertig trennt sich niemand von seinem Kind. Meistens geht eine Leidensgeschichte der Eltern – in der Regel der Mutter – voran, und oft ist Armut die Ursache für die Kindesaussetzung. In armen Ländern fehlt es an staatlichen Einrichtungen wie Sozialhilfe, Gesundheitsdienste oder Kinderkrippen. Alleiner- ziehende und unverheiratete Mütter trifft dies besonders hart. In ihrer Verzweiflung und in der Hoffnung, dass es ihrem Kind an einem anderen Ort besser ergeht, setzen sie es an öffentlichen Plätzen, bei Institutionen oder in der Entbindungsstation aus.
In Rumänien steht dieses Phänomen in direkter Verbindung mit der ökonomischen Ausgrenzung sowie der mangelnden Bildung von Frauen und unterprivilegierten Minderheiten wie der Roma. Hinzu kommt die fehlende Unterstützung für marginalisierte Familien und ausgegrenzte, beispielsweise un- verheiratete Mütter. In Marokko initiiert König Mohammed VI. sozialpolitische Modernisierungen, gleichzeitig werden aber alleinstehende Mütter geächtet und ausgegrenzt. Aus Angst vor einer Verstossung geben unverheiratete Mütter ihre Kinder weg. Ähnliche Gegebenheiten herrschen in Algerien.
Die Aussetzung hat für das Kind einschneidende Folgen. Die Trennung von der Bezugsperson hinterlässt tiefe Wunden, welche bleibende körperliche und seelische Schäden hinterlassen. Gemäss der Konvention über die Rechte des Kindes hat der Staat die Pflicht, sich um Kinder ohne elterlichen Schutz zu kümmern. Dieser Pflicht können aber viele Staaten nicht nachkommen. Zudem sind viele Kinder bei der Geburt nicht registriert worden und besitzen keine Identitätspapiere. Diese Kinder werden zu einer leichten Beute für Kinderhändler.
Das tun wir
Zur Bekämpfung der Kindesaussetzung steht Tdh für die Verbesserung sozialer Strukturen wie der Sozialhilfe ein und unterstützt die Erweiterung des Betreuungsangebotes für alleinerziehende Mütter sowie die Versorgung ausgesetzter Kinder. Zudem setzt sich Tdh dafür ein, Frauen den Zugang zu Bildung und Berufstätigkeit zu erleichtern.
Unsere Arbeit in Rumänien besteht im Ausbau der Sozialhilfe und in Hausbesuchen bei „Risikogruppen“. Zur Vorbeugung unerwünschter Schwangerschaften unterstützt Tdh zudem die Errichtung von Familienplanungszentren. Studien haben ergeben, dass die Kindesaussetzungen auf der Entbindungsstation (hier werden im Durchschnitt 2% der Neugeborenen ausgesetzt) deutlich zurück gehen, wenn die sozialen Strukturen intakt sind.
Um Kindesaussetzungen in Algerien entgegenzuwirken, beteiligt sich Tdh an einem Netzwerk von Organisationen, die im Bereich Mutter-Kind-Betreuung tätig sind und unterstützt Institutionen, die ausgesetzte Säuglinge aufnehmen und eine Pflegefamilie für sie suchen. Die Hilfe für alleinstehende Mütter besteht neben finanzieller Unterstützung auch in einem psychologischen, juristischen, sozialen und medizinischen Beistand. Es wird ihnen eine Ausbildung vermittelt und Hilfe beim beruflichen Einstieg geleistet. Insbesondere müssen auch ihre Kinder langfristig betreut werden, damit sie später nicht unter noch prekäreren Bedingungen sich selbst überlassen werden.
In Marokko setzt sich Tdh gemeinsam mit Partnerorganisationen für die Wiedereingliederung unverheirateter Mütter und ihren Kindern in die Familie ein. Zusätzlich fördern wir die Errichtung von Kinderkrippen und solidarische Netzwerke für Frauen.
Auf den Punkt gebracht
Auf sich allein gestellt und vom Kindesvater verlassen, hätte Mihaela (23) aus Verzweiflung ihre heute zweijährige Tochter Loredana nach der Geburt aussetzen müssen. Sozialarbeiterinnen von Tdh konnten die alleinerziehende Mutter überzeugen, dass sie mit der nötigen Starthilfe bald im Stande sein würde, das Kind und sich selber durchzubringen. Tdh half bei der Suche nach einer Wohnung und Berufsbildung. Ohne diese Unterstützung wäre die junge Mutter gezwungen gewesen, ihr Kind nach der Geburt wegzugeben. «Heute bin ich fähig, für das Wohl meines Kindes zu kämpfen.»


